Selbstliebe = Kitsch ?

Interessanterweise sind es meistens sehr einsame und eher unglückliche Menschen, die den Rat erhalten, sich doch endlich einmal mehr um ihre Selbstliebe zu kümmern. Und natürlich gibt es auch Kurse und Beratungen, die anbieten zu zeigen, wie Selbstliebe funktioniert.

Zufriedene Menschen wissen mit diesem Begriff nichts anzufangen. Im gemeinschaftlichen Miteinander mit anderen Menschen gibt es immer etwas zu tun. Jeden Tag erlebt man gegenseitiges Wohlwollen, gegenseitige Wertschätzung und Zufriedenheit darin mit anderen und für andere etwas getan zu haben. Wer auf diese Weise täglich die notwendige seelische Nahrung erhält, kann auch jederzeit Ärger, Verletzung, Enttäuschung, Erschöpfung, Krankheit, Mangel und Verlust erfahren, wird aber nicht auf die Idee kommen, dass ihm etwas Grundsätzliches fehlt, z.B. so etwas Abstraktes wie „Selbstliebe“. (Sondern eher nach konkreten Lösungen suchen wie Konfliktbereinigung, Ausgleich, Realitätsbezug, Erholung, Gesundung, gutes Essen, Trauer und Neubeginn.)

Jene, die selbst genauer hinschauen, leugnen auch nicht, dass sie sich erst ab jenem Zeitpunkt auf die Suche nach Selbstliebe begeben haben, als die Hoffnung aufgegeben wurde, einen Partner zu finden, der die auf Partnerschaft gerichteten Hoffnungen erfüllt. Die „Selbstliebe“ soll im Grunde das Vakuum füllen, das die vom Schicksal nicht vergönnte Partnerschaft hervorgerufen hat.

Am Ende ist die „Selbstliebe“ aber genauso wenig wie der erträumte Idealpartner in der Lage, die eigentliche Lücke zu füllen: den Zustand innerer Leere, Unerfülltheit und des Mangels. Im Grunde ist die Suche nach Selbstliebe ein Indikator für diese innere Verfassung, die auch dann eine Belastung bleibt, wenn man vorübergehend in einer Versuchspartnerschaft lebt. Wer nicht weiss, bzw. fühlen kann, was seine jeweilige Bedarfslage ist und es sich selbst auch wert ist, sich unmittelbar darum zu kümmern, verharrt in seelischer Ohnmacht. Jeder Partner, der sich darauf einliesse, würde, geewollt oder ungewollt, schon bald zum Mittäter in einer konfliktbehafteten Beziehung.

Partnerschaft funktioniert nur auf Augenhöhe. Beide müssen auch ohne den andere gut für sich selbst zu sorgen wissen. Manche verstehen jedoch nicht, dass dabei nicht die materielle, sondern die seelisch emotionale Selbst-Versorgung den Engpass darstellt.

Sich um seine wirklichen Bedürfnisse zu kümmern bedeutet keinesfalls, egozentrisch zu werden. Davor schützt die Tatsache, dass es um Dinge geht, die man sich nicht gegen den Willen eines anderen Menschen aneignen kann, sondern bescheiden (und demütig) erbitten muss, z.B. „ich fühle mich nicht wohl, kannst du mich bitte einfach mal nur in den Arm nehmen“ – anstatt sich darüber zu ärgern, dass der andere es nicht merkt, wie es mir geht und was ich jetzt bräuchte, und sich zusätzlich darüber zu ärgern, dass der andere darüber verärgert ist, dass ich mit meiner Verärgerung möglicherweise irgendetwas zum Ausdruck bringe, mich aber weigere zu sagen was wirklich los ist und was meine anderen Anschuldigungen mit der gegenwärtigen Situation zu tun haben.

Selbstfürsorge fällt Menschen dann schwer, wenn in ihrer Kindheit nicht gut für sie gesorgt wurde. Wer in seiner Kindheit seelisch oder gehungert hat, wird auch als Erwachsener seine eigene Seele oder seinen eigenen Körper hungern lassen oder mit Ersatzbefriedigungen vollstopfen (oder sich selbst mit „Selbstliebe“ abspeisen).

Zum Glück ist in unserem Körper genetisch gespeichert, wie sich gutes Leben anfühlt. Gut für sich selbst zu sorgen muss nicht mühsam erlernt werden, es muss nur erinnert werden. Dabei sind allerdings alle zur festen Gewohnheit gewordenen Ersatzhandlungen und Ersatzbefriedigungen ein starkes Hindernis. Aber wer einmal wieder ein Glas sauberes Wasser nach einer langen Phase schlechter Getränke erlebt, weiß im Bruchteil einer Sekunde und unmittelbar und mit dem gesamten Körper, was notwendiger Teil eines guten Lebens ist. (Auf seelischer Ebene sind dies vor allem Wahrnehmung statt Kritik, körperliche Geborgenheit statt sexueller Nutzung, soziale Wirksamkeit statt Einsamkeit)

Wohl dem der Freunde hat, die ihm ein Glas gutes Wasser reichen, statt ihm „Selbstliebe“ zu predigen.

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